Wer mit Regine Schrader spricht, merkt schnell: Hier erzählt keine Sozialarbeiterin aus der Distanz. Hier spricht eine Fachkraft, die sich über Jahrzehnte eingemischt hat. Die gestritten hat. Die zugehört hat. Und die überzeugt war, dass gute Betreuung nur dort gelingt, wo Menschen sich gesehen fühlen – nicht als „Migranten“, sondern als Menschen mit einer Geschichte, einer Erkrankung und einem Leben, das oft komplizierter geworden ist, als es erwartet wurde.
Als Regine Schrader 2002 bei LebensRäume begann, war die Versorgung psychisch erkrankter Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in vielen Bereichen noch lückenhaft. Sprachmittlung, kultursensible Betreuung oder mehrsprachige Fachkräfte waren keineswegs selbstverständlich. „Es gab eine große Ungleichheit in den Versorgungsmöglichkeiten“, erinnert sie sich heute. „Deutsche Menschen hatten einen ganz anderen Zugang zu Hilfen als Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.“
Im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn wurde dieses Thema zu ihrem Herzensthema. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen entwickelte sie Angebote weiter, baute Netzwerke auf und setzte sich dafür ein, dass Menschen nicht an Sprache, Unsicherheit oder fehlender Orientierung scheitern.
Verstehen wird erleichtert durch Sprache
Dass Regine Schrader einmal Türkisch lernen würde, hatte zunächst gar keinen beruflichen Hintergrund. „Ich wollte eigentlich nur herausfinden, ob ich überhaupt Sprachen lernen kann“, sagt sie rückblickend und lacht. Doch aus persönlichem Interesse wurde mit der Zeit eine fachliche Kompetenz.
Geprägt haben sie dabei auch eigene Erfahrungen im Ausland, Begegnungen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und ihre Arbeit in der psychologischen Frauenberatung. Dort wurde ihr früh bewusst, wie eng Diskriminierung, gesellschaftliche Machtverhältnisse und fehlende Teilhabe miteinander verbunden sind.
Später wurde deutlich, wie hilfreich Sprache auch für die psychosoziale Arbeit ist, aber auch Empathie und Wohlwollen. Nicht nur Wörter müssen verstanden werden – sondern auch Gefühle wie Ängste, Scham und Misstrauen. „Es geht nicht nur um kulturelle Unterschiede“, sagt Regine Schrader. „Es geht zuerst darum, ob Menschen überhaupt Zugang zu Informationen und Hilfen finden.“
Flyer, Behördenbriefe oder medizinische Gespräche bleiben für viele Menschen schwer verständlich. Gerade psychische Erkrankungen verschärfen diese Hürden zusätzlich. Muttersprachliche Betreuung und Sprachmittlung schaffen deshalb nicht nur Verständigung, sondern Sicherheit und Beziehung.
Dabei hat Regine Schrader immer wieder erlebt, wie entlastend und stabilisierend es für Menschen sein kann, sich in der eigenen Sprache ausdrücken zu dürfen. „Die Muttersprache gibt ihnen das Gefühl von Verbundenheit mit der Gemeinschaft und stabilisiert sie dadurch“, sagt sie.
Dass eine deutsche Sozialarbeiterin fließend Türkisch spricht, um Verständigung und Unterstützung zu ermöglichen, hat manche Klientinnen und Klienten zusätzlich ermutigt, sich selbst das Erlernen der deutschen Sprache zuzutrauen – und diesen Schritt erfolgreich zu gehen.
Von der Spezialaufgabe zur gemeinsamen Verantwortung
2009 übernahm Regine Schrader die Leitung eines neu gegründeten Teams mit dem Schwerpunkt Betreuung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Konzepte wurden entwickelt, mehrsprachige Kolleginnen und Kollegen eingestellt, interkulturelle Kompetenz systematisch aufgebaut und das Thema zunehmend sichtbar gemacht.
Doch dabei blieb es nicht. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Arbeit von einer spezialisierten Aufgabe hin zu einer Querschnittsaufgabe aller Teams. Ein wichtiger Schritt – denn Migration ist keine Besonderheit, sondern Teil gesellschaftlicher Realität.
„Migration ist keine Erkrankung“, betont Schrader. „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte können genauso jede psychische Erkrankung haben wie alle anderen auch.“
Sie organisierte interne Fortbildungen, moderierte Arbeitsgruppen, gestaltete Fachtage und brachte wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Perspektive in der Eingliederungshilfe der GfS in regionale und überregionale Fachgremien ein. Viele Kolleginnen und Kollegen profitierten von ihrem Wissen, ihrer Beharrlichkeit und ihrer Bereitschaft, schwierige Diskussionen auszuhalten.
Thorsten Buick, Fachbereichsleiter Beratung & Betreuung, beschreibt ihren Einfluss so: „Regine hat gezeigt, dass kultursensible Arbeit kein Zusatzangebot ist, sondern ein Qualitätsmerkmal guter sozialer Arbeit. Sie hat Spuren hinterlassen – fachlich, menschlich und organisatorisch.“
Dabei ging es ihr nie um Symbolpolitik oder oberflächliche Vielfalt. Entscheidend war für sie immer die Haltung gegenüber den Menschen. „Eine offene, neugierige und empathische Haltung ist aus meiner Sicht Teil fachlicher Kompetenz“, sagt sie. „Und gerade in Bezug auf Kultursensibilität hilft oft die Haltung: ‚Ich weiß erst einmal nichts.‘ Also die Bereitschaft, Menschen wirklich kennenzulernen, statt vorschnell anzunehmen, man wisse schon, wie sie denken oder leben.“
Was auf dem Spiel steht
Gerade heute blickt Regine Schrader mit Sorge auf gesellschaftliche Entwicklungen. Sparzwänge, politische Debatten über Migration und ein rauer werdendes gesellschaftliches Klima beobachtet sie kritisch.
„Ich befürchte, dass Angebote für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte als erstes gestrichen werden“, sagt sie. Die Folgen seien gravierend – nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern für die gesamte Gesellschaft.
Wenn Menschen keine ausreichende Unterstützung erhalten, steigen langfristig die Kosten: mehr Klinikaufenthalte, chronische Krankheitsverläufe, mehr Medikamente, mehr Krisen. Fehlende Begleitung kann Isolation verstärken und Konflikte verschärfen. „Wenn Betreuung und Anlaufstellen fehlen, nimmt auch Gewalt zu“, warnt Regine Schrader.
Dabei zeigen viele Beispiele aus ihrer Arbeit, wie wirksam frühe Unterstützung sein kann. Menschen, die nach schweren Krisen wieder Stabilität finden. Klientinnen, denen es nach Jahrzehnten in Deutschland und mit über 60 Jahren gelingt, Deutsch zu lernen. Väter, die nach langer Krankheit und großen Ängsten wieder Arbeit aufnehmen. Menschen, für die jeder Tag schrecklich war und die sich doch wieder zutrauen, Zukunft zu denken und ihr Leben wieder gestalten.
Regine Schrader hat in ihrer Arbeit immer wieder erlebt, wie groß die gegenseitige Wertschätzung in vielen familiär und gemeinschaftlich geprägten Kulturen ist. „Die Menschen geben oft gerne was zurück – integrieren sich, lernen die Sprache, arbeiten an sich“, erzählt sie. „Darin steckt oft vor allem Dankbarkeit und die Anerkennung dafür, gesehen und ernst genommen worden zu sein.“
Diese Entwicklungen entstehen nicht zufällig. Sie brauchen Zeit, Beziehung und verlässliche Unterstützung.
Soziale Arbeit in schwierigen Zeiten
Für die GfS bleibt diese Haltung zentral: Wir unterstützen, begleiten und fördern Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen – mit Respekt, Fachlichkeit und Menschlichkeit.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung kommt es darauf an, Menschen nicht gegeneinander auszuspielen und Unterschiede nicht zur Grenze von Teilhabe werden zu lassen. Soziale Arbeit bedeutet auch, Zugänge offen zu halten, zuzuhören, ihre Sprache zu sprechen und Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit ernst zu nehmen.
Regine Schrader hat diese Haltung über viele Jahre geprägt und gelebt – streitbar, beharrlich und mit großer menschlicher Wärme.
Oder wie sie selbst sagt: „Man darf sich von Rückschlägen und der allgemeinen Stimmung nicht lähmen lassen. Wichtig ist, im eigenen Bereich weiterzumachen und offen zu bleiben für Informationen, Begegnungen und neue Perspektiven.“
Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand endet ihre Arbeit bei der GfS. Ihr Einfluss bleibt.



