30 Jahre Schulbegleitung: Wenn Teilhabe jeden Morgen neu beginnt

Kinder begleiten heißt längst nicht mehr nur, ihnen im Unterricht zu helfen. Die Anforderungen an Schulen, Familien und Schulbegleitungen haben sich grundlegend verändert. Seit drei Jahrzehnten erlebt die Gesellschaft für Sozialarbeit Bielefeld e.V. (GfS), wie sich der Alltag von Kindern und Jugendlichen wandelt – und wie wichtig verlässliche Unterstützung geworden ist.

Als die GfS 1995 mit der Persönlichen Schulbegleitung begann, war das Angebot klein. Heute begleiten rund 450 Mitarbeiter Kinder und Jugendliche an etwa 95 Schulen. Die Aufgabe ist dieselbe geblieben: Teilhabe am Schulalltag ermöglichen. Doch der Weg dorthin ist anspruchsvoller geworden.
"Im Mittelpunkt stand schon damals die Idee, Kindern mit Behinderung die gleichberechtigte Teilhabe am Schulalltag zu ermöglichen. Daran hat sich bis heute nichts geändert", sagt Miriam Stock, Vorstand der GfS und kommissarische Fachbereichsleitung Schule & Bildung. 

Die Herausforderungen dagegen haben sich verändert. Die Zahl der Kinder mit Unterstützungsbedarf ist gestiegen, die Lebenslagen sind vielfältiger geworden und die Schulen stehen unter einem wachsenden Druck. Schulbegleitung ist heute weit mehr als eine organisatorische Unterstützung. Sie bewegt sich mitten in einem Schulsystem, das sich selbst verändert. Oder auch nicht. 

Mehr als Unterstützung im Unterricht

Besonders seit der Corona-Pandemie beobachten die Teamleitungen eine deutliche Veränderung. Viele Kinder müssen soziale Sicherheit und feste Routinen erst wieder entwickeln. Es geht nicht mehr nur darum, Aufgaben im Unterricht zu bewältigen, sondern darum, sich wieder als Teil einer Gemeinschaft zu erleben.

"Mittlerweile geht es nicht mehr nur um Unterstützung im Unterricht. Viel wichtiger ist oft die Frage: Wie finde ich meinen Platz in der Klasse? Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? Wie gelingt das Miteinander?", beschreibt Bereichsleiterin Nadine Tenbrock.

Hinzu kommt, dass Diagnosen wie ADHS, Autismus oder psychische Erkrankungen häufiger auftreten. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Schulen und Unterstützungssysteme. Immer häufiger werden Kinder bereits zur Einschulung nur dann aufgenommen, wenn eine Schulbegleitung vorhanden ist – eine Entwicklung, die die Fachkräfte mit Sorge beobachten.

Denn eigentlich sollte Inklusion unabhängig von einer Einzelbegleitung gelingen. Schulbegleitung soll dort unterstützen, wo sie notwendig ist – und nicht zur Voraussetzung für den Schulbesuch werden.

Professionell begleiten – mit Nähe und klaren Grenzen

Was die Arbeit der GfS auszeichnet, ist nach Einschätzung der Verantwortlichen die Verbindung aus Menschlichkeit und Professionalität. Viele Mitarbeiter sind seit vielen Jahren in der Schulbegleitung tätig. Gleichzeitig wurden Fortbildung, Begleitung und Qualitätsstandards kontinuierlich weiterentwickelt.

"Unsere Mitarbeiter machen diese Arbeit mit viel Herzblut. Gleichzeitig haben wir gelernt, wie wichtig professionelle Nähe ist. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass berufliche und private Grenzen verschwimmen", sagt Miriam Stock.

Neue Schulbegleiter werden heute systematisch eingearbeitet. Pflichtschulungen, Praxisanleitungen, kollegiale Fallberatung und passgenaue Fortbildungen gehören inzwischen selbstverständlich dazu. Jede Schulbegleitung hat feste Ansprechpartner, regelmäßige Begleitung und Unterstützung im Arbeitsalltag.

Das ist wichtiger geworden als je zuvor. Denn auch die Belastungen nehmen zu. Emotionale Krisen von Kindern, schwierige Familiensituationen oder Konflikte im Schulalltag fordern nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch diejenigen, die sie begleiten.

"Wir investieren heute deutlich mehr in die Begleitung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sollen wissen, dass sie mit schwierigen Situationen nicht allein sind", sagt Bereichsleiterin Kristin Mathea.

Zwischen Wandel und Kontinuität

Gleichzeitig verändert sich auch die politische Diskussion. Pooling-Modelle oder klassenbezogene Unterstützungsangebote sollen künftig stärker ausgebaut werden. Die GfS verfolgt diese Entwicklungen aufmerksam und bringt ihre jahrzehntelange Erfahrung in die Debatte ein.

Grundsätzlich sehen die Verantwortlichen Chancen darin, Unterstützung flexibler zu organisieren und Stigmatisierung einzelner Kinder zu vermeiden. Gleichzeitig bleibe die Überzeugung bestehen, dass es auch künftig Kinder geben wird, die eine individuelle Begleitung benötigen.

"Es wird immer Einzelfallhilfen geben", fasst Miriam Stock die Einschätzung aus den aktuellen Gesprächen mit Politik und Verwaltung zusammen. Die Herausforderung werde darin liegen, unterschiedliche Unterstützungsformen sinnvoll miteinander zu verbinden.

Am Ende zählt der Moment, in dem Begleitung nicht mehr gebraucht wird

Nach 30 Jahren gibt es viele Geschichten, die zeigen, warum Persönliche Schulbegleitung wirkt. Besonders eindrucksvoll sind für die Bereichsleiterinnen jene Fälle, in denen Kinder ihren Weg zunehmend selbstständig gehen können.

Wenn ein Kind, dem anfangs kaum jemand einen erfolgreichen Schulabschluss zugetraut hat, diesen schließlich schafft. Wenn Unterstützungsstunden Schritt für Schritt reduziert werden können, weil Sicherheit, Selbstvertrauen und Eigenständigkeit gewachsen sind. Dann wird sichtbar, worum es bei der Schulbegleitung eigentlich geht.

Sie ist keine dauerhafte Lösung, sondern eine Brücke.

Seit drei Jahrzehnten baut die GfS solche Brücken – mit Fachlichkeit, Verlässlichkeit und dem Anspruch, Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu unterstützen, zu begleiten und zu stärken. Gerade weil sich Schule verändert, bleibt diese Aufgabe aktueller denn je.

 

Gesellschaft für Sozialarbeit Bielefeld e.V.
Am Zwinger 2-4, 33602 Bielefeld

0521 52001-0
Montag bis Freitag, von 8 bis 17 Uhr

Top