Übergeben die Unterschriften an Oberbürgermeister Pit Clausen (v.l.n.r.) Treffpunktleiter Erhan Kara, Kitaleiterin Friederike Stoye und Stadtteilkoordinator Leif Pollex

Unterschriften senden deutliches Signal

18.12.2019

Rund 600 Unterschriften hat der Koordinationskreis Ost innerhalb weniger Wochen gesammelt. Damit soll der Forderung Nachdruck verliehen werden, eine kinderärztliche Sprechstunde im Gesundheitsamt einzurichten. Das Gesundheitsamt ist städtisch, entsprechend übergaben Friederike Stoye, Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Haus Pusteblume, der Stadtdteilkoordinator Leif Pollex und Erhan Kara, Leiter des Treffpunkts Liebigstraße der GfS, die Unterschriften an Oberbürgermeister Pit Clausen.

Der Oberbürgermeister reagierte mit Verständnis. Unstrittig ist, dass Bielefeld eine ausreichende kinderärztliche Versorgung braucht. Doch die ist im Bielefelder Osten nicht mehr gegeben – in vielen anderen Stadtteil sieht es wohl auch nicht besser aus.

Ein Kinderarzt in Mitte hat schon vor Jahren aufgehört, die Praxis wurde daraufhin aufgegeben. Eine neue ist seitdem nicht entstanden. Zugleich wächst die Stadt, Menschen ziehen zu und es werden wieder mehr Kinder geboren. "Seit rund eineinhalb Jahren hat sich die Lage verschärft", sagt Friederike Stoye. Will heißen, es ist für die Beteiligten sehr schwer bis unmöglich, einen Kinderarzt zu finden, der noch aufnimmt – gelingt es doch, ist dessen Praxis weit weg, etwa in Sennestadt. Inzwischen verbringen vor allem die Leitung der Kitas, aber auch des Treffpunkts, viel zu viel Zeit damit, Ärzte abzutelefonieren. "Wir unterstützen wo wir können, viele Eltern sind längst ratlos und überfordert", sagt Erhan Kara.

Die Kitas sind gehalten, auf eine Vorsorgeuntersuchung zu drängen. So will es das Gesetz und so macht es auch Sinn. Bei einer Vorsorgeuntersuchung können frühzeitig Krankheiten erkannt und in der Folge entsprechend behandelt werden. Auch werden besondere Förderungsbedarfe erkannt. Für eine besondere Förderung brauchen die Kitas aber eine ärztliche Diagnose. "Während die Notversorgung, wenn auch oftmals mit langen Wartezeiten vor Ort, funktioniert, etwa über die Kinderklinik in Bethel, sind die Vorsorgeuntersuchungen ein Riesenproblem", ärgert sich Friederike Stoye.

"Wir hatten den Eindruck, dass der Oberbürgermeister unser Anliegen ernst nimmt", sagt Erhan Kara. Bewegt hat sich in der Sache aber wenig. Der Koordinationskreis fordert weiter die Einrichtung einer kinderärztlichen Sprechstunde im Gesundheitsamt. Diese soll eine Notlösung sein, bis wieder genügend Kinderarztpraxen geöffnet sind. In Bielefeld kümmert sich statisch ein Kinderarzt um 2.000 Kinder, in Mitte sollen es sogar 6.000 Kinder sein. Entsprechend überfüllt sind die Praxen, viele nehmen überhaupt nicht mehr auf.

Zuständig für die Verteilung der Sitze, also der Orte, an denen sich die Ärzte niederlassen können, ist die Kassenärztliche Vereinigung. Die aber klagt, sie suche, bekomme aber keine Kinderärzte nach Bielefeld und Umgebung. Die Stadt wiederum, zuständig für das Gesundheitsamt, sucht auch. Dort seien 2,5 Ärzte-Planstellen für Kinder eingerichtet, eine halbe davon unbesetzt, "weil wir niemanden finden", sagt Pit Clausen. Zu den Aufgaben der Ärzte im Gesundheitsamt gehören Vorsorgeuntersuchungen bislang so oder so nicht. "Wir sehen das Problem, können aber auch nicht zaubern", erklärt der Oberbürgermeister. Außerdem verweist er darauf, dass es im Gesundheitsamt an der nötigen Geräteausstattung mangele, um eine Sprechstunde einzurichten. "Wir werden das Thema beraten und nach einer Lösung suchen", ergänzt er. So solle das Thema der Unterversorgung auf die Tagesordnung der städtischen Gesundheitskonferenz gesetzt werden.

Angestoßen hat das Thema Erhan Kara. Er hatte selbst Schwierigkeiten, einen Arzt für seine Kinder zu finden. Hinzu kam, dass er im Treffpunkt angesprochen wurde, ob er einen Kinderarzt wüsste und sich auf die Suche begab. Fündig wurde er erst in Herford. "Damals habe ich im Koordinierungskreis Ost vorgeschlagen, einen Arbeitskreis zu dem Thema einzurichten. Seitdem sind wir auch in der Öffentlichkeit aktiv", berichtet er.

"Wir bleiben dran", ergänzt er, "wir setzen uns für die Interessen der Familien mit Kindern in unserem Stadtteil ein". Die ärztliche Versorgung sei ein Grundrecht, dass für alle eingelöst werden müsse. Es sei unvorstellbar, dass gerade Menschen mit geringerem Einkommen davon abgeschnitten werden. "Das birgt sozialen Sprengstoff", fügt er an, "da muss eine Lösung her".

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