Feierten mit einem Fest das einjährige Bestehen: Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter der WG Bullerbach. Auf Schildern haben Bewohner präsentiert, was sie im ersten Jahr alles gelernt haben.

Größtmögliche Autonomie

16.12.2019

Seit gut einem Jahr existiert in der Travestraße, schräg gegenüber dem Hallenbad, eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung, die "WG Bullerbach". Acht Menschen wohnen zusammen in Erdgeschoss des im vergangenen Jahr fertiggestellten Neubaus.

Das Konzept ist außergewöhnlich, weil es sich weder um ein Wohnheim noch um Einzelwohnungen handelt. "Intensiv ambulante Betreuung" sei das, erläutert Miriam Stock, die in der Gesellschaft für Sozialarbeit (GfS) den Fachbereich Ambulante Behindertenhilfe leitet. Der Vorteil: Die Bewohner haben ein eigenes, rund 20 Quadratmeter großes Zimmer samt Badezimmer, das sie selber gestalten und in dem sie bestimmen, was dort passiert und wer rein darf. Sie verfügen zugleich über Einrichtungen wie den Gemeinschaftsraum, das Zentrum der WG, und einen Raum mit Badewanne. Versorgt werden sie über verschiedene ambulante Dienste und Mitarbeiter vor Ort, die nachmittags, nachts und am Wochenende zugegen sind. Dinge wie Einkaufen, Kochen, Freizeit oder Arztbesuche werden von ihnen begleitet.

Im Gemeinschaftsraum hängt eine große Magnettafel an der Wand, an der Abläufe, Aufgaben und Ereignisse eingetragen werden. Am Wochenende kochen die WG-Bewohner gerne gemeinsam, mindestens einmal im Monat gibt es einen gemeinsamen Kinoabend mit Chips und allem Drum und Dran.

"Mittlerweile sind alle Bewohner in der WG angekommen und fühlen sich mit der neuen Situation sehr wohl", lautet die Bilanz von Annabelle Bressem, die Leiterin vor Ort. "Am Anfang gab es viele Fragen: Beispielsweise, ob ich mein Zimmer selber putzen muss. Inzwischen hat sich alles eingespielt. Drei Mal am Tag kommt ein Pflegedienst. Wer es braucht, bekommt beim Zimmerputzen Hilfe vom Familienunterstützenden Dienst der GfS. Die einzelnen Leistungen decken verschiedene Fachbereichen der GfS gemeinsam ab.

Das Prinzip sei "maximale Autonomie in einem sicheren Rahmen mit verlässlicher Hilfe", erläutert Annabelle Bressem weiter. "Und zur Eigenständigkeit gehört eben auch das Aufräumen und Putzen der Gemeinschaftsräume und des eigenen Zimmers. Viele Bewohner haben schon viel dazu gelernt, einige putzen selbstständig ihr Badezimmer oder saugen den Gemeinschaftsraum".

Für die meisten Bewohner, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre, war die Situation anfangs ungewohnt. Dem einen war es zu laut, der anderen zu einsam. Einige hatten Heimweh, sechs von ihnen haben zuvor bei ihren Eltern gewohnt. Die Selbstständigkeit eingeübt haben sie vor dem Einzug in einer Trainingsgruppe, die sie über Jahre auf diesen Umbruch in ihrem Leben vorbereitet hat. Die Eltern wiederum haben sich in einer Elterninitiative gemeinsam auf den Schritt vorbereitet, über ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen gesprochen. "Beide Gruppen waren eine ideale Vorbereitung, so war es für niemand ein Sprung ins kalte Wasser, es gab bereits Strukturen und Vertrauen", sagt Miriam Stock.

Möglichst viel wird in der WG demokratisch entschieden. Zu diesem Zweck ist unter anderem ein monatliches Treffen eingerichtet worden. Ein Ergebnis ist die von den Bewohnern dort entwickelte Hausordnung. Die WG-Mieter sind unterschiedlich stark geistig und körperlich eingeschränkt. "Das ist auf den ersten Blick eine Herausforderung. Tatsächlich aber helfen die Stärkeren den Schwächeren. Selbstbestimmung und Kooperation gehen auf verschiedenen Niveaus und dabei auch miteinander", sagt Miriam Stock.

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