Tolunay schraubt mit an seinem Rad. Falk Altheide weiß, was zu tun ist.

Kareen ist schon einen Schritt weiter. Sie hat gerade eine Runde auf dem Hof gedreht und freut sich zusammen mit Susanne Fleer über die Zukunft als Radfahrerin.

Im Endspurt zum eigenen Rad: Kutay, angeleitet von Kasimir Kohlhage.

Künftig mit dem Rad unterwegs

22.03.2019

Die 13-jährige Kareen wohnt in Babenhausen-Süd. Sie freut sich riesig, dass sie nun endlich ein Fahrrad ihr Eigen nennt. Zum Spielplatz wolle sie künftig damit fahren, berichtet sie. Der bislang fünfminütige Fußweg dürfte damit auf ein, zwei Minuten zusammenschnurren. Fahrrad fahren kann sie schon, geübt hat sie mit dem Rad ihrer Cousine. "Zur Schule fahre ich damit aber nicht, der Weg zur Realschule Jöllenbeck ist mir damit zu weit", sagt sie. Ihr ganzer Stolz entstand an zwei Vormittagen in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Fabrik. Der Verein "Fahrräder bewegen Bielefeld" (FBB) richtet sich besonders an Geflüchtete. Zwei 450-Euro-Jobber und etliche Ehrenamtliche, alle vom Fach, helfen, die gespendeten Fahrräder wieder herzurichten. Die Qualität der Räder ist unterschiedlich, dabei sind alte Möhren, klapprige Mountain-Bikes, die es mal für wenig Geld beim Discounter gab, aber auch wertigere Räder. "Wir bekommen immer wieder Spenden, von Privatpersonen und auch von Unternehmen. Mangel haben wir immer an Kinder- und Jugendrädern", berichtet Stefan Mielke, passionierter Fahrradfahrer und im Vorstand des Vereins.

Kareen dreht draußen auf der Zufahrt schon mal eine Proberunde. Ihr lila-violettes Rad saust im Wind. "Kann ich auch noch einen Fahrradkorb bekommen", fragt sie Susanne Fleer. Die Schulsozialarbeiterin der GfS, die mit dem Kindern und Jugendlichen in den internationalen Klassen in der Haupt- und Realschule in Jöllenbeck arbeitet, verweist auf einen der Schrauber. Kareen traut sich, Falk Altheide anzusprechen. Der Zweiradmechaniker schaut in den Lagerraum und findet tatsächlich einen gebrauchten Korb, der auf den Gepäckträger passt.

Ohne Helm fährt kein Kind, dass gehört zu den Regeln des Vereins. Susanne Fleer hat einige gespendet bekommen und einige zugekauft. Sie reichen nicht ganz, sie muss nun schauen, wo sie noch welche herbekommt. "Die Kinder und ihre Familien haben wenig Geld. Das einzige, was sie dazu kaufen müssen, ist ein Fahrradschloss", berichtet sie.

Aus dem Bestand haben sich die sechs 10 bis 13-Jährigen ein Rad ausgesucht, dann ging es ans Schrauben. Das Prinzip des Vereins: Die Kids sollen möglichst viel lernen, was an einem Fahrrad wo hin gehört, wie es anzubauen und dann auch zu reparieren ist. Zudem steigt die Wertschätzung, wenn sie selber Hand anlegen. Da die meisten noch nie ein Fahrrad besessen haben, beginnt es mit ganz einfachen Dingen wie Luftaufpumpen oder damit, die Beleuchtung ans Laufen zu bringen. Sind die Fahrräder fertig, drehen die Schüler*innen ein paar Proberunden. "Wir haben oft auch jemand dabei, der oder die noch nicht fahrradfahren kann", sagt Susanne Fleer, "da packe ich am Sattel an, stabilisiere und helfe so, die ersten Meter zu fahren".

Obligatorisch sind zudem Sicherheitshinweise. Auf dem Kaffeetisch gibt es Materialien, Bücher mit Zeichnungen, diese geht Susanne Fleer mit ihren Schüler*innen durch. Das Sicherheitstraining geht anschließend auf dem Schulhof weiter. Die Schulsozialarbeiterin leiht sich einen Parcours vom ADAC oder lädt einen Polizisten ein, der Hinweise gibt und Regeln erklärt. Es ist das ABC des Überlebens im Straßenverkehr, etwa beim gefährlichen Linksabbiegen. Zugleich lernen die Kinder die Verkehrsregeln kennen.

30 Schüler*innen besuchen die internationale Klasse der Realschule. Die meiste Zeit sind sie in die Regelklassen integriert, für dieses Projekt kommen immer sechs von ihnen an zwei Tagen zusammen. Bis alle durch sind, braucht Susanne Fleer also zehn Termine in der Fahrradwerkstatt. Sie kommt gerne und immer wieder. Bereits 2018 war sie dort mit der internationalen Klasse der Hauptschule. "Das Projekt kommt gut an bei den Kindern, der praktische Nutzen ist hoch", freut sich Susanne Fleer, "ich finde das total klasse, was der FBB hier macht. Alte Fahrräder werden wieder flott gemacht, so dass am Ende die Räder fast wie neu sind". Verschleißteile wie Fahrraddecken, Ketten oder auch Bremsbeläge werden gegen neuwertiges Material ausgetauscht, die Fahrräder von den Profis gecheckt – mit einem Klemmbrett unter dem Arm.

Der Verein "Fahrräder bewegen Bielefeld" wurde 2015 gegründet. Zunächst auf dem Böllhof-Gelände in Brackwede am Südring untergekommen, ist er nun im Bielefelder Osten angekommen. Der Verein hat inzwischen einige Anerkennung bekommen, etwa den Deichmann Preis für Integration oder auch den Bielefelder Integrationspreis. Und obwohl die allermeiste Arbeit ehrenamtlich geschieht, muss der Verein immer wieder versuchen, Sponsoren und Förderer zu finden, um die Kosten zu decken.

Wer ein Fahrrad spenden möchte, kann Kontakt mit dem Verein aufnehmen. https://fbb.bike

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