Zum Abschied ein großes Danke
Konrad Rühling leitete 31 Jahre die Abteilung Beratung der GfS. Mit einem Fest im Alarm-Theater bedankten sich seine Kollegen für seine großartige Arbeit. Über 120 Kolleginnen und Kollegen aus anderen Einrichtungen, aus der Gesellschaft für Sozialarbeit und der städtischen Verwaltung waren dabei.
Konrad Rühling verlässt nach 31 Jahren die Gesellschaft für Sozialarbeit (GfS). Er leitete die Abteilung Beratung, zu der der Psychologische Beratungsdienst in der Marktstraße und die Stadtteilberatungsstellen in Stieghorst und Baumheide, ein Kooperationsprojekt mit der AWO, gehören. Ratsuchende finden in diesen Einrichtungen Unterstützung durch Ehe- und Lebensberatung, Erziehungs- und Sozialberatung. Die Beratung erfolgt kostenlos – und wenn gewünscht – auch anonym.
Am vergangenen Freitag verabschiedeten sich seine Kolleginnen und Kollegen von Konrad Rühling. Sie kamen zu einem Fest im Alarm-Theater zusammen. Bei Musik und Sekt ließen die Anwesenden die vergangenen 31 Jahre mit Konrad Rühling Revue passieren. So berichtete etwa Silvia Mai, Psychotherapeutin in Werther, aus der Gründungszeit des Psychologischen Beratungsdienstes. Der stimmungsvolle Nachmittag hatte auch noch einige Überraschungen parat: So brachten Konrad Rühlings Kolleginnen und Kollegen ihrem ehemaligen Chef ein Ständchen. Susanne Schulz, Leiterin des Sozialamtes der Stadt, überreichte ihm eine Urkunde des Oberbürgermeisters für sein sozialpolitisches Engagement.
„Mit seinem Engagement hat er dafür gesorgt, dass es nicht nur den Psychologischen Beratungsdienst seit über 30 Jahren gibt, sondern auch noch zwei Stadtteilberatungsstellen. Er hat bewirkt, dass diese Einrichtungen einen festen Platz in der Bielefelder psychosozialen Versorgungslandschaft haben und nicht mehr wegzudenken sind“, sagte Uwe Reeske, Geschäftsführer der GfS, während der Veranstaltung.
Seine Kolleginnen und Kollegen dankten ihm mit dem Fest für die großartige Arbeit, die er in den zurückliegenden Jahren geleistet hat. „Wir verlieren mit ihm nicht nur unseren Chef, sondern einen fachlich sehr versierten Kollegen und Psychoanalytiker sowie einen hervorragenden Strategen auf dem sozialpolitischen Parkett“, sagt Christiane Faist-Schweika.
„Er interessierte sich immer für den Menschen"
Die Diplom-Psychologin arbeitete zwölf Jahre mit ihm zusammen und war bis zu seinem Abschied seine Stellvertreterin. Es sei ihm immer in erster Linie um das Wohl der Ratsuchenden gegangen. „Statt ausschließlich an Beratungskonzepten festzuhalten, interessierte er sich immer für den jeweiligen Menschen und begegnete ihm mit zugewandter Neugier und Wertschätzung“.
Als Konrad Rühling 1977 in Bielefeld beim Psychologischen Beratungsdienst begann, waren die Defizite der psychotherapeutischen Versorgung ein großes Thema. Es gab in der Stadt ganze vier Psychotherapeuten. Heute sind es 140. „Damals war die Versorgungslage schlecht“, blickt Konrad Rühling zurück. Die Folge: Klienten mussten in diesen Praxen lange warten, wenn sie überhaupt einen Termin bekamen. Der Psychologische Beratungsdienst hingegen verfolgt von Beginn an ein Konzept ohne Wartezeiten. Ratsuchende bekommen innerhalb einer Woche einen Termin, Notfälle manchmal noch am gleichen Tag.
Zugleich ist die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen. Die Zahl der Depressionen etwa hat zugenommen, „vielleicht wird manche Depression heute aber auch besser erkannt“, sagt Konrad Rühling. Heute schauen Ärzte nicht nur nach den körperlichen Missempfindungen, mehr als früher auch auf psychische Erkrankungen.
Offene Angebote für Menschen mit wenig Geld
Eine zentrale Leitidee des Psychologischen Beratungsdienstes ist es bis heute, Unterstützung für Menschen anzubieten, die in schwierigen Lebensverhältnissen sind. „Wir haben unsere Beratung von Beginn an für untere soziale Schichten geöffnet“, sagt Konrad Rühling.
Die offenen Angebote, in die jeder ohne Anmeldung und ohne Kosten kommen kann, unterstützen dies. „Wichtig ist in diesem Zusammenhang unsere Stadtteilarbeit“, ergänzt Konrad Rühling, „zum Beispiel das Café Floh im Freizeitzentrum Baumheide spricht genau diese Menschen an.“ Das Café Floh ist ein wöchentlicher Flohmarkt im Freizeitzentrum Baumheide, ursprünglich nur für Kinderkleidung samt Kaffee und Brötchen. Mütter sollen sich dort gegenseitig kennen lernen und unterstützen. Die Sozialberatung der GfS, die diesen Flohmarkt veranstaltet, ist dabei ständig ansprechbar. Inzwischen ist das Café Floh ein großer Stadtteiltreffpunkt geworden.
Soziale Probleme, Armut und Arbeitslosigkeit sind in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen ist gewachsen. Mit der stark wachsenden Klientenzahl wuchs allerdings nicht die Zahl der Mitarbeiter im Psychologischen Beratungsdienst. 1974 suchten jährlich 220 Menschen Rat, heute sind es 700. „Die Mitarbeiterzahl hat sich nicht entsprechend erhöht, so dass wir die durchschnittliche Stundenzahl, in der wir uns einem Menschen zuwenden, halbieren mussten“, sagt Konrad Rühling. Aus über zehn Stunden sind heute fünf Stunden geworden, „die untere überhaupt noch vertretbare Grenze“.
Viele gute Ideen umgesetzt
Viele Ideen setzte der Psychologische Beratungsdienst in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich um. So richtete der Beratungsdienst im vergangenen Jahr eine Teilzeitstelle ein, um gezielt Jugendliche mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt zu beraten. Die Beratungsstelle arbeitet hier mit Arbeit Plus zusammen. Die dortigen Fall-Manager haben die Adresse des Beratungsdienstes griffbereit und schlagen bei offensichtlichen psychischen Problemen vor, zum Psychologischen Beratungsdienst zu gehen. „Die Hälfte aller Ausbildungsplatz-Abbrüche geschieht aus persönlichen Gründen“, weiß Konrad Rühling. Ärger zu Hause, mit den Eltern, in der Beziehung oder mit dem Chef, und schon kann eine Ausbildung auf der Kippe stehen.
Der Beratungsdienst unter der Leitung von Konrad Rühling hat in den vergangen Jahren Angebote aufgebaut, die die Zusammenarbeit der psychosozialen Einrichtungen in der Stadt effektiver machen. So zählt die Gruppenplatzbörse seit sechs Jahren aktuelle psychotherapeutische und psychosoziale Gruppenangebote in Bielefeld auf. Thematisch sortiert und vierteljährlich in einem Heft zusammengefasst haben damit Fachleute und Betroffene einen Überblick über die angeleitete Gruppenangebote. Auch der Wegweiser, ein Verzeichnis der psychosozialen Einrichtungen in der Stadt, wird lebhaft nachgefragt und muss immer wieder neu gedruckt werden. Er soll demnächst auch im Internet zugänglich sein. „Solche Koordinationsaufgaben“, sagt Konrad Rühling, „gehören zu einer öffentlich finanzierten Beratungsstelle“.
In Zukunft mehr Beratung für Ältere
Für die Zukunft wünscht sich Konrad Rühling eine Öffnung der Beratungsstellen für ältere Menschen. „Zwar hat sich der Altersdurchschnitt in den vergangenen Jahren erhöht. Aber immer noch sind die meisten, die in die Beratung kommen, zwischen 20 und 40 Jahren alt“. Senioren finden bisher noch seltener den Weg in die Beratung, „auch wenn zu uns mehr als im Bundesdurchschnitt kommen“. Diesen Wunsch äußerte auch Friedrich Kassebrock, Leiter der Beratungsstelle Kinder, Jugendliche und Eltern in Bethel, bei seinem Vortrag bei der festlichen Verabschiedung von Konrad Rühling.
Weiter wünscht sich Konrad Rühling mehr vorbeugende Angebote, ganz auf der Linie der Europäischen Union, die große Präventionsprogramme fordert. Hier gilt wie in vielen Lebensbereichen: um so früher, desto besser. Beispielsweise können Paare ihre Kommunikation in einem Gruppenangebot verbessern. Dies helfe, ernsthafte Konflikte zu verhindern, und wenn, dann könne eine belastbare Beziehung psychische Probleme besser auffangen.


