„Einfach die Wahrheit sagen“

 

Einfach die Wahrheit sagen will der 14-jährige Filmon. Andere zu beleidigen ist nicht sein Ding. Er sitzt zusammen mit fünf anderen Jugendlichen aus Stapelbrede in einem schlichten Raum an einem langen Tisch und schreibt an seinem Rap-Song. Insgesamt zehn Teilnehmer zwischen 12 und 17 Jahren, nahezu alle aus dem Wohnbezirk Stapelbrede in Schildesche, fahren in den Osterferien in die Innenstadt in die Musikfabrik 39. Die hat erst im Januar diesen Jahres eröffnet, liegt im Souterrain eines Industriegebäudes und bietet nun auf 400 Quadratmetern Platz für Probenräume und zwei Tonstudios. Zwei Profis kümmern sich um die Jugendlichen, am Ende des Hip-Hop Workshops werden sie ihre eigenen Songs aufnehmen und sie ihren Freunden von der CD Schoolparty-Sampler, den die Musikfabrik 39 produziert, vorspielen können. Und im Sommer winkt ein Konzert-Auftritt.


Gerappt haben die meisten Teilnehmer schon einmal, auf der Straße mit Freunden oder zu Hause mit einer einfachen Anlage. Rappen ist Musik mit einfachen Mitteln: Manchmal reicht es, wenn jemand mit seiner Stimme eine Beatbox macht, also den Rhythmus vorgibt, indem er Töne und Rhythmn mit dem Mund imitiert. Sultan, einer der Workshop-Teilnehmer, ist ganz groß darin und hat mit seinem Beat-Boxing auch schon einen Preis gewonnen. Manche haben sich bereits im Internet auf You Tube verewigt. In dem Workshop lernen sie, Hip-Hop-Musik unter professionellen Bedingungen herzustellen.


Ein Teil der Gruppe kümmert sich um die Musik. Die Töne kommen von der Straße, aus Sound-Archiven, aus einem Keyboard oder von akustischen Instrumenten. Mitrakoudis Vasileios leitet den Instrumentalworkshop. Der Musiker ist Profi und hat schon etliche Hip-Hop-Stücke komponiert. Immer wieder spielt er einzelne Melodien aus dem Keyboard, gibt den Jugendlichen Tipps, wie sie die Aufnahmen am besten hintereinander fügen, damit auch ein Takt entsteht, über den zum Schluß die Texte gesungen werden können. Wertvolle Unterstützung kommt von Zana Baykara. Der 18-Jährige aus Stapelbrede stammt aus einer Musikerfamlie, er spielt Klavier und Saz, ein gitarrenähnliches Instrument aus der Türkei. Das hat er mit ins Studio gebracht und spielt es live ein. Anschließend verarbeiten die Jugendlichen die Aufnahmen am Computer.

 

Hilft, den eigenen Standpunkt zu entwickeln

 

Hip-Hop ist bei vielen Jugendlichen in Stapelbrede schon lange angesagt. Er ermöglicht es ihnen, eine eigenen Standpunkt zu entwickeln, anerkannt zu werden und sich selbst zu verwirklichen.  Durch die Texte können Jugendliche ihre eigene Identität finden, erläutert Ute Joachim, Leiterin des Treffpunkts Stapelbrede der Gesellschaft für Sozialarbeit e.V. (GfS). Der Hip-Hop-Workshop ist ein Angebot des Treffpunkts, finanziell durch einen Zuschuss des Bielefelder Jugendrings unterstützt. Der Treffpunkt will künftig seine Angebote an Jugendliche ausbauen. Dies sei nötig, erklärt Ute Joachim, denn ansonsten haben die Jugendlichen in Stapelbrede kaum Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten.


Aaron Born leitet in der Musikfabrik 39 die Gruppe, die die Texte produziert. Er achtet darauf, dass die Jugendlichen bei ihren Lyrics in sich gehen und coole Sätze vermeiden, die nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun haben. „Geht den Sachen auf den Grund und entscheidet dann, was ihr sagen wollt", schlägt er den Jugendlichen vor.


Nach und nach beginnt jeder der Jugendlichen, seine eigene Geschichte zu erzählen. So setzen sich die Jugendlichen mit sich und ihrer Lebenswelt auseinander. Meilenweit sind sie in diesem Moment vom sogenannten Gangster-Rap entfernt, indem es vor allem darum geht, Gewalt zu verherrlichen. Die Kids sagen selber, sie seien „die Verfluchten", und meinen damit, dass sie wenig Chancen für ihr Leben sehen, weil sie einem Wohngebiet leben, dass andere als sozialen Brennpunkt bezeichnen. Viele von ihnen kämpfen tatsächlich mit Problemen. Dennoch: Aaron Born will, dass sie Wünsche für die Zukunft formulieren.

 

Gefühle ausdrücken

 

Auch Gefühle spielen in den von den Jugendlichen gereimten Texten eine große Rolle: Die auszudrücken, fällt den Teilnehmern, allesamt Jungen, zwar schwer. Doch Aaron Born hilft ihnen. Er spielt eine langsame Musik vor: „An was denkt ihr, wenn ihr diese Melodie hört", fragt er in die Runde. Die Kids sind sich einig: Partymusik ist das nicht, eher „etwas trauriges". Aaron ist einverstanden: „Und nun schreibt auf, was ihr vor Augen habt, wenn ihr sowas hört".